Immenhausen

 

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Johanna
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Immenhausen

Beitrag von Johanna » Samstag 3. August 2019, 15:45

Glas -

einst Erde dann in der Glut des Feuers geschmolzen, durch des Menschenhand geformt und zur durchsichtigen Klarheit erstarrt

Die Hüttengründung und -bau erfolgte im Jahr 1809. Grundlage war ein Kontrakt, geschlossen zwischen dem Kammerjunker, Erb- und Gerichtsherrn auf Ermschwerd und Ziegenhagen, Geord Friedrich von Buttlar und den Unternehmern Georg Prinzhausen und Heinrich Stender aus Bursfelde.

Friedrich von Buttlar verpflichtete sich ein Baugrundstück unentgeltlich zur Verfügung zu stellen, das erforderliche Bauholz zu billigstem Forstansatz aus der Ermschweder Waldung zu liefern und auch alle anderen Materialien wie Steine, Lehm, Ton und Sand im Forst unentgeltlich zu brechen bzw. graben zu lassen. Das Fabrikholz sollte ebenfalls durch den Förster gegen Bezahlung angewiesen werden usw.
Die Unternehmer verpflichteten sich im Gegenzug die Hüttenanlage auf eigene Kosten zu errichten und über die Pachtzeit von 20 Jahren bestens zu betreiben. An den Gutsherrn sollten 2000,-- Reichstaler in 3 Raten gezahlt werden, den Holzpreis an Martini pünktlich zu entrichten und an den Förster jährlich 4 Reichstaler als Nebeneinnahme zu zahlen. Ausserdem sollten sie alle öffentlichen Abgaben auf das Werk ausser der Grundsteuer zur Hälfte tragen.

Mit jedem Hüttenbau war auch die Schaffung von Wohnraum für die Mitarbeiter verbunden. 1814 bestand die Hütte bereits aus 16 Gebäuden. Fabrikgebäude und Magazine, Gesellenwohnungen, Stallungen die Pottaschensiederei. Der Betrieb ernährte damals 13 Familien. Die Wohnungsmiete betrug 5,-- Mark monatlich.

1897 wurden weitere vier Wohnhäuser mit je 4 Wohnungen errichtet. Trotzdem lebten zahlreiche Mitarbeiter der Hütte in der Stadt Immenhausen.

Um 1900 beschäftigte die Hütte 86 Menschen – 43 Menschen kamen davon aus Ziegenhagen

Im Jahr 1905/06 wurden drei weitere Häuser in weit besserer Ausführung erstellt.
Die Arbeiterhäuser hatten 3 Wohnungen, zwei im Erdgeschoss und eine im Dachgeschoss.

Ein Glasschleifer verdiente damals pro Woche nach Abzug von Krankenkasse, Steuern, Erwerbslosenfürsorge ca. 45,-- Mark.

Im Januar 1908 übernahm Lamprecht den größten Teil der Belegschaft der Glashüttengesellschaft von Buttlar. 1910 waren 60 Personen im Betrieb tätig und auch damals standen schon Arbeitsplätze für weibliche Mitarbeiter zur Verfügung. Zu Beginn des ersten Weltkrieges wuchs die Belegschaft auf 80 Personen. Nach Kriegsende war allerdings die Stammbelegschaft auf 40 Mitarbeiter geschrumpft.

Ab 1920 wurde der Verdienst drastisch erhöht – ein Schürer erhielt einen Tageslohn von 39,-- Mark Formen- und Hafen-macher erhielten 40,-- Mark. Durch die Inflation änderte sich der Verdienst von Tag zu Tag, deswegen wurde alles auch täglich ausgezahlt.

Glasartikel wurden bereits vor dem ersten Weltkrieg in viele Länder ausgeführt, z.B. Guatemala, Honduras, Brasilien, Chile, Libanon, Syrien, Ägypten, China, Japan, Togo, Kamerun und weitere.
Lamprechts Konservengläser oder der Tropfenzählerwurden im Deutschen Reich bereits 1885 patentiert.

In den verschiedenen Glasvitrinen sind allerlei Glaswaren ausgestellt u.a. auch ein Ulkschwein, welches als Feierabendarbeit aus der Glashütte Hermann Lamprecht Immenhausen um 1920 beschrieben ist. Runde bunte Briefbeschwerer mit und ohne Fuß um 1930.

Ein grosses Glasfenster stellt in Tiffaniarbeit eine Madonna dar. In Glasschalen sind am Boden Tänzerinnen geritzt, feinste zieselierte Arbeit, der Schliff und die Gesten sehr elegant dargestellt.
Eine Kirchentür mit Glasschliff einer Justitia. Der Engel hält die Waagschale um das Gute und das Böse darin abzuwiegen. In einer anderen Glasvitrine sind Kaffeemaschinen von 1948 aus Glas ausgestellt – kaum ein Unterschied zu den heutigen Exemplaren. Ein Glas von besonderer Schönheit, Ritter in voller Rüstung auf einem Pferd, welches excellent mit allen Feinheiten aus dem Glas herausgearbeitet ist. Die Mähne, die Nüstern, die Augen des Pferdes – der Ritter der angestrengt die Lanze im Arm hält – das Visier hochgeklappt und der Drache zu seinen Füssen, den er zu erlegen trachtet. Ein Glas, welches man wohl niemals in täglichem Gebrauch hatte. Ein anderes Glas mit Deckel – hier ist eine Tier- und Jagdszene heausgearbeitet äsender Hirsch, der von einem Nebenbuhler argwöhnisch betrachtet wird – die Bäume, Äste, Blätter man kann alles bis in die kleinste Kleinigkeit deutlich erkennen.
Dazu ein Schreiben von R. Süßmuith dem letzten Besitzer der Glashütte:
Man kann nicht alles auf einmal, aber wenn etwas Zeit bleibt dann kann man nicht nur schönes Glas fertigen, sondern auch eine Glashütte aufbauen, die anders ist als andere. Und man kann Menschen formen und erziehen, die anders sind als andere Glashüttenarbeiter und man kann mit neuen Menschen und einer neuen sozialen Gesinnung in einem neuen Werk auch neue Gläser formen.

R. Süßmuth der Namensgeber der letzten Glashütte in Immenhausen kommt als Vertriebener 1946 aus Schlesien und übernimmt am 1. Juni 1946 die kriegszerstörte Glashütte. Er beginnt mit 30 Mitarbeitern sofort mit Aufräum- und Aufbauarbeiten an der zerstörten Hütte und hat 1949 schon 160 Mitarbeiter, darunter 130 Flüchtlinge und 30 Einheimische. Zu Spitzenzeiten beschäftigt er 500 Mitarbeiter. Er ist der erste, der in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg wieder mundgeblasenes Glas anbietet, der weiterhin den Tiefschliff für die Gestaltung von Flachglas einsetzt und bald eine Werkstatt für Glasmalerei eröffnet. Der Fenster für Kirchen in ganz Deutschland gestaltet.
Süßmuth organisiert über 150 Kulturveranstaltungen und engagiert sich als Politiker in der Stadt.
Er baut ein Hotel am Bahnhof für Kunden und Vertreter – erweitert die Glashütte um ein repräsentatives Ausstellungshaus in welchem er seine Kollektion vorstellt. Er erhält zahlreiche Auszeichnungen und wir für seinen Strahlenschliff AE 364 1954 mit der Goldmedaille in Mailand ausgezeichnet.
Im ersten Stock kann man sich an einem gläsernen Xyllophon versuchen. Das erste Instrument ist mit grösseren, dicken Glasrohren bestückt die weiteren Instrumente sind Flaschen mit unterschiedlicher Grösse, Dicke und Farben, mit schwingenden Glasscheiben als Xyllophon ausgestellt. Hier kann man mit den dazugehörigen leichten „Klöppeln“ Musik machen.

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