Extra für Rollstuhlfahrer

 

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Johanna
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Extra für Rollstuhlfahrer

Beitrag von Johanna » Donnerstag 5. September 2019, 22:45

Extra für Rollstuhlfahrer

Mein Geburtstagsgeschenk für Uwe war in diesem Jahr etwas, was auch mir zu Gute kam.

Ich orderte 2 Karten für die Erfurter Domfestspiele. Umberto Eco‘s Roman „Der Name der Rose“ sollte aufgeführt werden – und das auf den Stufen und dem Vorplatz des Erfurter Domes.
Die Kirche gab dazu die Erlaubnis, was mich wunderte, denn in diesem Buch bzw. auch diesem Theaterstück macht die Kirche keine „gute Figur“ um es mal freundlich auszudrücken.

Leider war ich mit der Reservierung/Buchung sehr spät dran, so dass nur ganz oben in der letzten Reihe der Tribüne zwei neben einander liegende Plätze zu bekommen waren. Nun irgendwie würde ich die vielen Stufen schon schaffen, denn meine Beweglichkeit bzw. die Schmerzen beim Treppensteigen und längeren Laufen habe ich immer noch nicht „im Griff“. Wir fuhren also zeitig los, damit wir evtl. noch einen Platz in der Tiefgarage am Dom ergattern konnten. Wir hatten Glück – Uwe packte den Rollstuhl aus und schob mich dann zum Eingang. Das Katzenkopfpflaster hatte mich ganz schön durchgerüttelt – aber das war ich bereits von anderen Fahrten gewohnt. Am Eingang fragte Uwe wo wir den Rollstuhl abstellen könnten. Sofort kam die Frage ob ich denn überhaupt beschwerdefrei die Stufen bis zu unseren Plätzen hoch klettern kann.
Dann wurde uns bedeutet dass wir etwas warten sollen, denn für Rollstuhlfahrer wären separate Plätze eingerichtet. Und wieder hatten wir Glück. Ein Mitarbeiter schob mich vor die erste Reihe bis zu einer kleinen Tribüne.
Vor der Reihe eins war eine Rampe aufgebaut – hier sassen bereits einige Zuschauer in ihren Nobelkarossen. Eine der Damen hatte ein Opernglas dabei weil sie obendrein zu der körperlichen Behinderung auch noch minimale Sehstärke hatte. Wir wurden dazu gestellt und auch Uwe bekam hier neben mir einen Platz zugewiesen. Selbstverständlich waren wir nach Anfrage auch bereit, dass unsere Karten von der Theaterleitung noch einmal verkauft werden konnten. Es war für beide – für uns und auch für das Theater eine win-win-Situation. Das „Haus“ war schliesslich bis auf den letzten Platz ausverkauft.
Manche der Besucher waren festlich gekleidet – richtig aufgestylt wie man es von den „normalen“ Theaterbesuchen kennt. Langes Kleid, Highheels und kleine Abendtäschchen bei den Damen, dunkler Anzug mit Hemd und Krawatte bei den Herrn.

Vor dem Beginn der Vorstellung kam ein kostümierter Händler mit einem kleinen Handwagen und einem Hühnerkäfig zu uns auf die Empore und drückte uns mit ein paar launigen Worten ein hart gekochtes Ei mit der Aufschrift Erfurter Domfestspiele in die Hand. Die (künstlichen) Hühner waren richtig mit Federn bestückt und hatten ein weiches Lager aus Stroh in diesem Käfig. Bei einigen Rollstuhlbesuchern hatte ich den Eindruck dass sie beim Ensemble bekannt waren – sei es durch Abonnements oder aber häufigere Theaterbesuche.

Auf den Stufen die zum Dom hinauf führten waren Bücherberge (gefertigt aus Styropor) , grosse verschiebbare Türen, Mosaikmalerei in riesigen Grössen aufgestellt bzw. gelegt worden. Die Stufen waren vorher bereits überbaut, wie man nachlesen konnte. Den Zuschauern wurde ein Bild vor Augen geführt wie es in einem dunklen Kloster früher wahrscheinlich auch ausgesehen hat. Die Mönchskutten in dunkelgrün, die Tonsuren, die Kutsche in welcher der Inquisitor seinen Auftritt hatte – alles war bis ins kleinste durchdacht.

Die Handlung ist sicher bekannt, der Mönch Adso von Melk schaut im Alter zurück auf seine Erlebnisse als junger Novize.Er begleitet den Franziskanermönch William von Baskerville in ein einsam gelegenes Kloster. Hier sollen die führenden Köpfe der Franziskaner mit deiner Abordnung des Papstes zusammentreffen um das Für und Wider über die Armut der Kirche zu diskutieren und gleichzeitig die Machtpositionen abzustecken. Doxch zuerst soll William einen mysteriösen Todesfall aufklären. Während der folgenden Tage kommen weitere Mönche zu Tode. Die theologische Konferenz gerät zur Farce und man geht im Streit auseinander. Der junge Adso erlebt in diesen Tagen Abgründe menschlicher Verblendung und wird gleichzeitig durch ein zartes Liebesverhältnis vor eine schwere Entscheidung gestellt.
Die Spur führt William von Baskerville dann in die Bibliothek wo der blinde Bibliothekar einen besonderen Schatz hütet - das einzige erhaltene Exemplar des Aristoteles „das zweite Buch der Poetik. Dieser blinde Mönch hält das Buch für so verwerflich dass er es lieber vernichten wird als es in fremde Hände fallen zu lassen. Am Ende werden war die Todesfälle aufgeklärt, aber es kann nicht verhindert werden, dass die gesamte Bücherei in Flammen aufgeht.

Was hier Licht und Schatten vermochten – wie die künstliche Beleuchtung die Feuersbrunst realisierte – es war ein phantastisches Bild, welches auch die Zuschauer in ihren Bann schlug……

Ein Buch welches auch verfilmt wurde als Musical zu sehen, zu hören zu erleben, war ein eindrucksvolles Erlebnis.

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