Kuriere

 

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Johanna
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Kuriere

Beitrag von Johanna » Dienstag 26. November 2019, 11:58

Im Rokoko ist alles krumm, der Hofmarschall der weiss warum!

In den unteren Räumen des Schlosses waren früher die Wirtschaftsräume sowie Küchen untergebracht. Nach der Restaurierung beherbergt dieser Teil des Schlosses eine ganz besondere Ausstellung.
Bereits im Vorraum wird man durch ausgestellte Briefe, Lebensläufe und andere schriftliche Zeugnisse auf das Innere der grosszügigen Ausstellungsräume vorbereitet und hingewiesen.

Hier kann man die Lebensläufe von zwei Künstlern nachlesen – man erfährt dass diese beiden Männer – Gerhard Bätz und Manfred Kierdorf – über mehr wie 50 Jahre lang niemals den Kontakt zueinander verloren. Sie lernten sich als „Schüler“ mit ca. 14 oder 15 Jahren kennen und auch als sie weit entfernt lebten sandten sie sich Nachrichten mittels kleiner Figuren. Diese Kuriere überbrachten kleine Schätze, einen umfangreichen Briefwechsel der ebenfalls in der Ausstellung zu sehen ist und waren das Verständigungsmittel.

Rococo en miniature kann man diese Ausstellung nennen, die ihren Ursprung in den kleinen Halmaasteinchen hat. Dies erfährt man, wenn man nach dem Betreten der Ausstellung gleich im ersten Abschnitt einen Film verfolgt, der diese Entstehung und die Geschichte dieser ungewöhnlichen Exponate aufzeigt. Bätz und Kiedorf erdachten sich während der Schulzeit aus Langeweile eigene Königreiche, erfanden Namen für ihre Herrscher und stellten ganze Heere aus unterschiedlich bemalten Halmasteinen zusammen.

Beide Männer lernten den Beruf des Gebrauchswerbers. Beide kamen aus ganz unterschiedlichen Familien zu diesem Beruf. Gerhard Bätz lernte die vom Vater und Großvater gegründete „Farben- und Spielzeugindustriebedarfsartikelhandlung“ kennen. In deren umfangreichen Lagerhaus mit allen möglichen Spielzeugeinzelteilen bekam er Einblick in die Arbeitsweisen der Spielzeugherstellung. Er absolvierte bei der Sonneberger Konsumgenossenschaft den Beruf des Gebrauchswerbers und lernte dadurch auf der Handelsschule Kierdorf kennen.

Von Kiedorfs Kinder-Zeichnungen beeindruckt, räumte der ansässige Tier- und Pflanzenmaler Engelbert Schoner dem gerade Zwölfjährigen einige Vitrinen in seiner Personalausstellung in Neuhaus ein. Über die Lehre als Werkzeugmacher in einer Porzellanfabrik und anschliessenden Ausbildung als Filmvorführer und Gebrauchswerber lernte Kierdorf seinen späteren Freund Bätz kennen.

Dann betritt man die Haupthalle und wird gleich erschlagen von so vielen verschiedenen Eindrücken. Die Phantasiewelt die diese beiden Männer schufen Pelarien und Dyonien ist ein eigener kleiner Kosmos im Stil des Rococo. Prunk und Protz en miniature wird hier gezeigt.
Diese Insel setzt sich aus einer grossen Landmasse zusammen. Hier regierten zahllose Könige , die sich in ruhmreichen Schlachten gegeneinander behaupteten.

Die Schlösser, die Personen, alles ist bis ins Kleinste miniaturgetreu dargestellt – mit Lupe und Pinzette zusammen gebaut, geleimt, bemalt. Selbst die kleinen Schränke haben funktionierende Schubladen. Die Pferde vor den Kutschen Zaumzeug, die Haare und Perücken der hochgestellten Persönlichkeiten – alles ist bis ins Kleinste detailgetreu nach der damalige Zeit nachgebaut.

Während in Dyonien ein Schlösschen nach dem anderen entstand, konzentrierte sich die Bautätigkeit in Pelarien hauptsächlich auf Erweiterungsbauten des Residenzschlosses Perenz.
Das altehrwürdige Schloss Pyrenz mit seiner weitläufigen Gartenanlage war einst Residenz der dyonischen Könige. Der älteste Teil stammt noch aus der Zeit Heinrichs VII. Damals besaß das Schloss noch Festungscharakter, doch wurde es den Ansprüchen jedes neuen Monarchen entsprechend verändert.

Schloss Perenz ist die überaus glanzvolle Residenz des Königs Talari III. von Pelarien.
Unter den Königen Geonardi V., VI. und VII. erfolgten Erweiterungen, Um- und Rückbauten je nach Laune und Vermögen der jeweiligen Monarchen. Baupläne wurden vielmals geändert, verworfen, wieder hervorgeholt und erneut geändert, bis selbst der Hofbaumeister den Überblick verlor. Das Treppenhaus mit dem sich anschließenden Staatsappartement sowie der Festsaal nebst Saal mit Hoftafel gelten als unerreichte Höhepunkte der Innenarchitektur.
Königin Onide verweilt bevorzugt auf Schloss Eulenlust. Benannt nach ihrem Lieblingstier, steht es auf einer gewaltigen Terrasse, die Platz genug bietet für Pferdeställe und alles, was wirtschaftlich von Nöten ist. Flankiert wird das Hauptgebäude von zwei säulen­gerahmten „Neugierden” mit alten Mosaik­fussböden und von zwei Pavillons. Einen ziert eine prachtvolle Badeanlage, der andere ist für Gäste bestimmt. Der pelarische König Talari III. verweilt hier gern bei seinen Besuchen. Unterhalb dieses Bauwerkes befindet sich ein geweihter Raum mit dem Mantel von König Heinrich III. Das Kleidungs­stück soll noch aus der geheimnisumwitterten Halmasteinzeit stammen. Das Schloss selbst birgt eine umfangreiche Biblio­thek, zwei Orangerien und die Bildhauer­werkstatt.
So kann man auch in das Innere der Schlösser schauen – das Treppenhaus in dem sich mehrere Personen bewegen – man sieht die Gemäldegalerie in Schloss Eulenlust oder aber den Spielsalon der prächtig mit Lüstern ausgestattet ist. Jedes Inventar ist detailgetreu nachgebildet. Das Studierzimmer in welchem sich die Gelehrten um ein grosses Fernrohr sammeln oder aber das Puppenhaus der Prinzessin Talophé.
Ein Augenschmaus und man weiss nicht so genau, was man sich genauer anschauen sollte – so viele Einzelheiten sind zu betrachten.
Für diese Arbeit wurden die beiden Erbauer und Künstler hoch geehrt – es ist das Lebenswerk, welches im Jahr 2006 vom Thüringer Landesmuseum in Rudolstadt angekauft wurde.
Auf jeden Fall ist diese Abteilung des Museums nicht nur einen einzigen Besuch wert! Sei es die Instrumentensammlung oder die Fahrt des Hofzwerges in einer kleinen Kutsche – oder aber die eigene erdachte Sprache für die Bewohner des Phantasiereiches, die sich die beiden Künstler ausdachten um sich von Anderen abzugrenzen. Das „Pezanisch“ bezeugt mit ca. 300 Einträgen von diesem Wortspiel, welches bereits in der Anfangszeit der Zusammenarbeit erdacht wurde.
Auch Gedichte der einzelnen Protagonisten – z.B. von dem Hofzwerg oder aber Bombastus aus Ingelhieb wurden für einen Dichterwettstreit erstellt.
„Windiges”, Tuldenade Nr. 10
Seele flattre wie ein Band
Aus meinem Herz in Tuldes Hand,
Daß sie ins Haar mich binde,
Dort wohn ich mit dem Winde.
Stirngewölk am Lockenrand,
Sorge um manch Liebespfand
Vertrieben wir geschwinde,
Voll Lust sie Amor finde!
Eine absolut sehenswerte Abteilung eines großartigen Museums!

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