Bielefeld -

 

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Johanna
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Bielefeld -

Beitrag von Johanna » Freitag 16. Oktober 2020, 09:40

– die Sparrenburg

an einem Nachmittag machten wir uns auf den Weg zur Sparrenburg, die die Stadt Bielefeld überragt. Diese Festung wurde ca. 1250 erbaut und ist die nördlichste erhaltene Spornburg Deutschlands.

In der Mitte des Burghofes steht ein Denkmal des letzten Grafen zu Ravensburg auf einem Sockel, welches im Beisein Kaiser Wilhelms II. aufgestellt wurde sich als militärische Figur in Lockenfrisur unter einem Hut und mit militärischem Mantel bekleidet zeigt. In Folge von Kinderlosigkeit fiel später die Burg an Graf Gerhard I. Von Jülich-Berg, der mit einer Nichte des letzten Ravensbergers verheiratet war. Dadurch entfiel auch die Funktion als Herrschersitz.

Man kann die Burg auch gut mit dem Rollstuhl umrunden, obwohl einen das Katzenkopfpflaster ganz schön durchrüttelt. Manche Wege sind steil – aber durch die Möglichkeit der Autoanfahrt bis kurz unter die Burg ist alles gut erreichbar. Auf jeden Fall ist die Besichtigung der oberirdischen Teile der Sparrenburg das ganze Jahr über möglich.
Die weiteren Anlagen der Sparrenburg sind von April bis Oktober täglich zugänglich, einschließlich der Besteigung des 31,5 Meter hohen Turmes und des südöstlichen Teils der 285 Meter langen unterirdischen Gänge. Der nordwestliche Teil der unterirdischen Gänge ist mit Ausnahme dreier Führungen pro Jahr nicht zugänglich, da dort Fledermäuse ihren Unterschlupf haben.
Diese Besteigung des Turms habe ich mir diesmal versagt – so gross war meine Neugierde nun doch nicht, denn die Aussicht geht von der Burganlage bei schönem Wetter weit über die Stadt Bielefeld hinaus.

Weiter besuchten wir im Historischen Museum die Sonderausstellung Kinogeschichte in Bielefeld. Hier fühlte man sich wirklich in die 50-er Jahre versetzt. Es gab Filmvorführungsapparate aus dieser und älterer Zeit, Filmplakate sowie ein Raum der mit Plüschstühlen wie zur damaligen Zeit ausgestattet war. Bilder von diversen Kinofoyers die an großzügige Paläste erinnerten. Plakate mit der Geschichte des Zelluloidfilms – die Meilensteine der technischen Entwicklung im Kino beginnend mit der Fotografie, Aufnahme und Wiedergabe bewegter Bilder Ende des 19. Jahrhunderts.
Die Marksteine zogen sich von 1887 mit der Erfindung des Zelluloidfilms bis 2020 in dem je ein analoger Filmprojektor im Lichtwerk im Ravensberger Park und im Kino des Fuilmhauses zu sehen ist.
Berühmte Persönlichkeiten die sich in Bielefeld zeigten wie Romy Schneider 1955 oder Lieselotte Pulver, Curd Jürgens 1954 oder Hans Albers 1953. Die Kinoarchitektur im Wandel der Zeit wurde an Hand des Filmpalastes Gloria von 1928 bis nach dem Wiederaufbau nach dem zweiten Weltkrieg dargestellt.

Das kirchliche Leben - von der Zeit vor 800 mit der Gründung der Peterskirche in Kirchdornberg über das Jahr 1000 in dem der Paderborner Bischof eine Pfarrkirche in Heepen errichten liess. Diese war dann im 13. Jahrhundert Mutterkirche der jungen Stadt Bielefeld.

Die Zeit der Stadtgründung Bielefeld 1214 – 1250 wurde ebenso präsentiert wie das Entstehen der Bielefelder Neustadt im 13. Jahrhundert. Die Stadtrechtsurkunde konnte man auch lesen wie das Siegel der Altstadt Bielefeld betrachten. Kirchliche Standbilder – herrliche Glasfenster – ausgesucht schöne Wappen - ein Ratsgestühl waren ausgestellt. Wer in der Stadtgesellschaft eine besondere Stellung hatte wurde auch beim Gottesdienst in der Kirche hervorgehoben. Der Adel hatte oft eigene Kirchensitze nahe beim Altar, die sogenannten „Priechen“, die mit Wappen verziert waren. Die Bielefelder Ratsherren saßen in der Altstädter Kirche, der Hauptkirche der Lutheraner hinter einer aufwendig geschnitzten Brüstung mit dem Stadtwappen.

Der Nachlass zu dieser Zeit war öffentlich geregelt und auch die Zusammensetzung der Beschreibung der Mittelschicht und/oder der Unterschicht wurde im einzelnen erörtert.
Bielefeld als Hansestadt war wohl nicht so bekannt, aber sie waren trotzdem von der Mitte des 15. bis zum Ende des 16. Jahrhunderts Mitglied dieses Städtebundes. Die Handelsbeziehungen reichten bis nach Russland , über die Nord und Ostsee.
In Bielefeld wurde auch durch den großen Kurfürsten einigen wenigen jüdischen Familien gestattet, sich nieder zu lassen. Sie erhielten die Erlaubnis ausserhalb der Stadt einen Friedhof anzulegen und im 17. Jahrhundert ist belegt, dass hier ein Betsaal für die kleine jüdische Gemeinde vorhanden war. Der Sederabend ist Teil des jüdischen Pessachfestes . Hier wurden in Erinnerung an den Auszug aus Ägypten symbolische Speisen genossen. Die vierzehn Elemente des Seder wurden auf dem Teller neben der Darstellung des Sündenfalls genannt. Der Teller kam 1878 als Geschenk eines jüdischen Kaufmanns in die Sammlung des Historischen Vereins.

Alte Nähmaschinen (z.B. der Firma Dürkopp) als Ausstellungsstücke zeigten Bielefelds Start ins Industriezeitalter. Es gab Schuhmachernähmaschinen, Haushaltsnähmaschinen die sich bis 1914 um viele Typen für alle möglichen speziellen Erfordernisse weiter entwickelten. Muster für Wäschestücke z.B. Kragen für den Kavalier wurden unter der Abteilung Wäscheproduktion gezeigt. Denn bis zur Mitte des 19. Jhd. wurde Wäsche für den Eigenbedarf vorwiegend zu Hause hergestellt. Die ersten Wäscheproduzenten Bielefelds waren Leinenhändler.
Bevölkerungswachstum Verstädterung und verändertes Konsumverhalten liessen die Nachfrage nach konfektionierten Wäschestücken sprunghaft ansteigen. 1873 fertigten 3000 Näherinnen an 2200 Nähmaschinen die Bielefelder Spezialitäten: Kragen, Einsätze, Chemisetten und Hemden. Arbeitsgänge wie Waschen, Stärken und Bügeln fanden nun unter einem Dach statt.

Hier wurden auch die ersten Fahrräder, Leichtkrafträder dargestellt. Die Entwicklungsgeschichte des Fahrrads nahm einen grossen Teil der Ausstellung ein.
Eine weitere Abteilung zeigte die grossen Webstühle – das industrielle Fertigen von Stoffen. Dazu die Beschreibung der Arbeiterinnen die natürlich in Mädchenwohnheimen lebten. Die Verpflegung war mies - in der Woche gab es nur Brot und Margarine mittags Pellkartoffeln – sonntags einen Löffel voll Marmelade. „Manchmal war es eine Kathastrophe: man hat nicht die Butter aufs Brot verdient, wenn das Rohmaterial schlecht war. Das ist dann immer gerissen. Man hatte nicht einmal die zeit aufs Klo zu gehen, wenn man schlechtes Garn hatte – so schlimm war das damals“ „das war die dreckigste Arbeit – die Spinnerei. Wir haben uns geschämt zu sagen, wo wir arbeiten.“ Das schrieb ein 15-jähriges Mädchen 1939 – sie wurde dienstverpflichtet – die Alternative wäre die Front gewesen.

Durch den permanenten Arbeitskräftemangel gab es eine hohe Fluktuation – die durch schlechte Arbeitsbedingungen und schlechtes gesellschaftliches Ansehen, sowie Gesundheitsschäden begründet war. In den 1930 und 1940-er Jahren kamen hauptsächlich dienstverpflichtete 15-17-jährige Mädchen aus dem Ruhrgebiet und es arbeiteten hier bis zu 100 Zwangsarbeiterinnen aus Polen und der Sowjetunion unter teilweise unwürdigen Bedingungen.

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