Derrickkran

 

Ob Urlaub oder Tagesausflug, wenn einer eine Reise tut, darf er uns davon erzählen
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Johanna
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Derrickkran

Beitrag von Johanna »

Der Derrickkran
ein Henker als Namensgeber

Wir erreichten Bad Windsheim. Hier traf sich meine Familie nach der Flucht 1944 und von hier aus verteilte sie sich in alle Himmelsrichtungen. Einer meiner Onkel (er heiratete die älteste Schwester meiner Mutter) kam von Amerika aus hier nach Mittelfranken und wanderte mit seiner Familie 1949/1950 wieder nach Amerika aus. Er mietete eine grosse Wohnung, meine Großeltern bekamen 2 Zimmer, meine anderen Verwandten und auch meine Mutter und ich erhielten Zimmerzuweisungen bei anderen Familien.
Jetzt wollte ich nach vielen Jahren diesen Ort wiedersehen, wollte Plätze besuchen die ich von meiner Kinder- und Schul-zeit her kannte und war etwas enttäuscht, als ich die Veränderungen sah.
Wir fuhren in den Ort hinein suchten als erstes einen Parkplatz, besuchten das fränkische Freilandmuseum, welches nach meiner kurzen (zweiten) Zeit in diesem Ort aufgebaut wurde. Als wir anschliessend in den Ort liefen, sah ich als erstes das Haus in welchem wir eine kurze Zeit ein Zimmer bewohnten, in welchem meine Schwester starb. Ein Haus welches ich mit Ängsten als Kind verband. Es war verändert, das grosse Tor war verschwunden, zugemauert, es gab nur noch eine kleine Tür – alles war sauber verputzt, die grossen Scheiben des früheren Verkaufsladens waren normal grossen Fenstern gewichen. Wir kamen zum Platz mit dem schönen Brunnen. Der grosse Spielzeugladen der alles dort beherrschte – es gab ihn nicht mehr. Hier kauften wir die kleinen Steifftiere mit Knopf im Ohr – hier kamen wir immer vorbei wenn wir zu einem meiner Onkel liefen, der in einer Nebengasse eine kleine Bäckerei besass. Geschäfte an die ich mich erinnerte gab es auch nicht mehr. Der Marktplatz der sich anschloss war verändert. Das Optikergeschäft meiner anderen Verwandten war verschwunden, die Arkaden, die mir als Kind so gross und weitläufig vorkamen erschienen mir jetzt klein, verwinkelt. Trotzdem strahlten die Häuser immer noch eine gewisse Gemütlichkeit aus. Das Katzenkopfpflaster war das gleiche wie früher. Die Altstadt mit dem Windsheimer Roland war fast unverändert, aber ringsherum …….ich betrachtete alles mit Neugierde. Und als ich eine Stadtansicht für Sehbehinderte fand konnte ich die Strassen die ich früher entlang lief mit den Händen ertasten, konnte meine ehemalige Schule finden, sah die Strasse in der wir zuerst lebten, den alten Bahnhof gab es nicht mehr aber der Kurpark war enorm erweitert worden.
Doch zurück zum Freilandmuseum.
Bei der Neugestaltung des Marktplatzes stiess man auf ein Gräberfeld des 8. bis 10. Jahrhunderts und auf Kellerreste hochrangiger Gebäude des 12. bis 15. Jahrhunderts. Die erste urkundliche Erwähnung des Ortes war 741 n.Chr. 1891 wurde die erste Heilquelle entdeckt und 1961 wurde – nach vielen Jahren der Vorbereitungen – das Prädikat „Bad“ an Windsheim verliehen. Die Vorbereitungen hierfür begannen bereits ca 1955 als ich noch in Windsheim zur Schule ging. Wir wurden damals offiziell aufgefordert besonders höflich zu Fremden auf der Strasse zu sein, auf Sauberkeit zu achten usw. weil die Stadt das Prädikat „Bad“ anstrebte.
Das Freilandmuseum ist in verschiedene Kategorien unterteilt. Es ist sehr weitläufig bietet Altertum, Neuzeit, Mittelalter usw. an. Aufgefallen ist mir ein grosser Kran. Die Bezeichnung Derrickkran geht auf einen englischen Henker des späten 16. Jahrhunderts zurück. Dieser Derrick soll lt. Anschlagstafel eine ähnliche Vorrichtung mit Ausleger ersonnen haben um bei einer Hinrichtung 23 Menschen zugleich hängen zu können.

In den Steinbrüchen am Main schossen Derrickkräne ab ca. 1885 wie Pilze aus dem Boden. Sie dienten zum Herausheben von Steinschichten bis 200 m Entfernung So konnten bis zu 5 Tonnen schwere Steine bewegt werden – was dem Gewicht von zehn PKW entspricht. In den 1960er Jahren verdrängten leistungsfähigere Radlader diese Derrickkräne.

Aus Scheinfeld stammte ein spätmittelalterlicher Ziegelbrennofen, der unversehrt geborgen und umgesetzt werden konnte. Diese Öfen waren in Franken nicht für den dauerhaften Gebrauch ausgelegt. Die Häuser waren sehr liebevoll gepflegt. Blumenkästen, kleine Bauerngärten mit Holzzäunen, in verschiedenen Häusern wurden auch die Räumlichkeiten ausstaffiert und beschrieben.

Da hier im Windsheimer Raum reiche Gipsvorkommen waren, reicht die Tradition der Gipsverarbeitung weit zurück. Das bezeugen viele Gebäude aus dem 14. bis 19. Jahrhundert. Gipsputze, Stuckarbeiten, Gipsquader als Mauersteine . Bis ins 20. Jahrhundert wurde Gips im Tagebau in vielen kleinen Steinbrüchen gewonnen. Von den vorindustriellen Gipsöfen existiert heute nichts mehr. Im Museum wurde eine Rekonstruktion eines solchen Gipsofens auf der Basis historischer Befunde aufgebaut. Vorindustrielle Gipsöfen konnten nicht steuerbare Temperaturen zwischen 900 und 1000 Grad Hochbrandgipse herstellen, die nach dem Brand gemahlen und zu Mörtel mit hoher Witterungsbeständigkeit verarbeitet wurden.

Über die Jahresringe der Hölzer konnte für die spätmittelalterliche Schafscheune aus Virnsberg das Baudatum von 1507 ermittelt werden. Damit ist es eine der ältesten erhaltenen Schafscheunen. Um 18. Jahrhundert wurde die Scheune grundlegend erneuert und man ersetzte die einstigen Flechtwerkwände durch massives Mauerwerk. 1992/93 wurde diese Scheune abgebaut und 1999 konnte sie im Freilandmuseum wieder aufgebaut werden.

Die Kirchheimer Siedlung bestand aus vielen Gehöften, die durch Zäune von einander abgetrennt waren. Ein Hof umfasste mehrere Gebäude: Großbauten, Speicherbauten, Grubenhäuser und Brunnen. Die Grubenhäuser wurden ca 1 m in den Boden eingelassen und dienten handwerklichen Tätigkeiten, Die Speicherbauten besassen einen auf 4 Stelzen liegenden Boden um die gelagerten Vorräte vor Feuchtigkeit und Schädlingen zu schützen.
Die Großbauten wurden als Wohnhäuser, Scheune oder Stall genutzt, hatten oftmals 5 Pfostenreihen, zwischen denen Wände aus Brettern oder lehmverputztes Flechtwerk eingezogen wurden.

In den Zentren des Frankenreiches hielten sich römische Handwerkstechniken – auf dem Land allerdingds arbeitete man wieder wie in vorrömischer Zeit, Universalwerkzezuge waren Axt und Beil, das Wissen und die Techniken der Antike verschwanden zwar nicht völlig, gerieten aber zum Teil in Vergessenheit.

Der Steinbau erlebte erst mit der Romantik eine neue Blüte – erst im 12. Jahrhundert wurde sehr langsam der Stand der Römerzeit wieder erreicht.
Der Bau einer Wassermühle setzte grosses technisches ubnd handwerkliches Wissen voraus, das wahrscheinlich mit dem Ende des römischen Reiches weitgehend verloren ging. Erst durch Franken gelangte es wieder nach Bayern,

Im Gegenzug dazu lebten Mensch und Vieh bei den Germanen in einfachen Holzhäusern unter einem Dach. Manche Gebäudetypen lassen sich bis in die Bronzezeit zurück verfolgen. Als Baustoffe dienten Holz, Lehm und Stroh oder auch Schilfrohr,

Zwischen den einzelnen Häusergruppen waren Felder auf denen verschiedene Getreidearten angebaut waren. So sahen wir in Reihen gesähte Urdinkel, Dinkel, Emmer, verschiedene Weizensorten, Roggen, Hafersorten, Wintergerste, Hirse, Einkorn, Sommergerste, Mais, Reis, Grünkern, Hartweizen, Triticale, Braunhirse, Amaranth, Buchweizen, Quinoa und viele mehr.
Es gab ca 30 verschiedene Getreidesorten die hier ausgesäht waren.
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