schwälmer Weißstickerei

 

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Johanna
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schwälmer Weißstickerei

Beitrag von Johanna »

Schwälmer Weißstickerei

Wir fuhren in die Schweiz zu dem 70. Geburtstag der Schwiegertochter. Ursprünglich wollten wir erst am 09.07. fahren um am 11.07. ihren Geburtstag zu feiern, aber wir fuhren bereits ein paar Tage früher los um schön langsam unser Ziel anzusteuern. Wir nahmen meine Kühl-Gefrierkombination mit weil ich die nicht mehr in meiner Wohnung benötige und ausserdem benötigten sie neue Matratzen und die Maße stimmten mit meinen Matratzen überein. Ich kaufte sehr gute und nutze sie ja nicht, weil ich schon länger bei Uwe lebe. Also fuhren wir vollgepackt los.
Das Hinweisschild für das Museum Schwälmer Spitzen veranlasste Uwe von der ursprünglichen Route etwas abzuweichen.

Das Museum zu finden war leicht - Wir betraten das Museum – die Geschichte und die Traditionen der Schwälmer Spitzen, Decken, Aussteuer und vieles mehr wurde in mehreren Räumen den Besuchern nahegebracht.
In einem Raum wurde ausgestellt wie Flachs verarbeitet wurde, die Flachsbreche , ein Rechen, eine Spindel und eine Puppe die in der damaligen Kleidung die Dekoration vervollständigte.

In einer Ecke stand ein gußeiserner Ofen der über dem Feuerloch eine Tür hatte. Hier wurde ein Bügeleisen „aufgeheizt“. Im nächsten Raum waren auf einem Tisch gefilzte Hüte , kleine Säckchen und Ansichtskarten aufgebaut.

Es folgten Räume in welchen Handwerkserzeugnisse der damaligen Zeit gezeigt wurden, ein Schrank mit Handwerkzeugen für Lederbearbeitung, im nächsten Raum die Erzeugnisse einer Töpferei, Keramik, gebrannte bunt bemalte Krüge, Tassen Kannen und dann der Töpfer der an der Töpferscheibe sitzt einen Klumpen Ton auf der Töpferscheibe, daneben die Schale mit Wasser und neben dem Töpfer ein Tisch auf dem fertig gebrannte Teller abgestellt waren. Ein Schuster mit seiner Werkstatt schloss sich an, Leder, Leisten, Maschinen die damals üblich waren.

Neben dem Raum hing im Gang ein Spruch an der Wand:
Totenschüssel
Bei den Bauern der Schwalm gab es einen Brauch:
Nach der Leichenwäsche der irdenen Schüssel dieser Waschung ein Loch einzuschlagen.
War’s der Geruch? War’s Bitterkeit!
War’s Vorbedacht , die Schüsseln nur zum Waschen der Toten zu formen und -
wie geleerte Gläser zerworfen werden -
am Ende zu zerstören!
Einmal gefüllt, geleert und zerbrochen.
Einmal, wie dieses Leben der Nächste habe sein eigenes Gefäß.
(aus Oskar Ansull, entsicherte Zeit)

Die Schwälmer Schlüsselpoesie besagt:
wenn die Weiber Kaffee trinken hüpfen sie wie Distelfinken.
Aus der Erde mit Verstand mischt der Töpfer allerhand.
Gut ist gut, zu gut bringt Armut.

Meine Frau hat gar zu gern, wenn ich bleib dem Wirtshaus fern!
Wer will borgen, der Komm’ morgen,
heut ist nicht der Tag wo ich borgen mag.

Im nächsten Raum waren reich geschnitzte Truhen, ein Eckschrank und eine Auflistung der
Sticharten bei der Schwälmer Weiss-stickerei:

2 verschiedene Befestigungsstiche, 7 verschiedene Umrandungsstiche, 6 Zierstiche, es waren 5 Kanten und Borten aus Zier- und Umrandungsstichen aufgeführt

Die Muster von Druchbrüchen waren aufgelistet.
Limet-Durchbrüche, Lichten-Muster, Motive waren beschrieben: die meisten Motive der Schwälmer Weißstickerei waren Herz und Blume, verbunden mit Blättern und Ranken. Daneben finden sich auch alle anderen Blumen-sorten und -formen, Blumentöpfe, Körbchen, Vasen, Kreis und Sternornamente.

Zu allen Zeiten verstanden es die Frauen aus dem verfügbaren Leinen durch das Geschick ihrer Hände kleine Kunstwerke entstehen zu lassen. Wurden früher noch in ganz Deutschland die verschiedenen Stichtechniken gepflegt so ist heute die Weißstickerei vor allem in der Schwalm in Kenntnis und Ausübung geblieben. Dies ist vor allem der Stickmeisterin Thekla Gombert aus Ziegenhain zu verdanken.
Als Handwerkzeug dienen
1 kleine spitze und scharfe Stickschere, ein Fingerhut, 1 spitzer Metallpfriem. Spitze und stumpfe, kurze Sticknadeln mit rundem, geschliffenem Öhr sowie ein einfacher Stickrahmen.

Die einzelnen Motive werden durch Faltschnitt gebildet, auf Papier übertragen und mit Blaupapier auf den Stoff durchgezeichnet oder aufgeplättet. Nach der Aufzeichnung werden zunächst die Stickereien und dann die Durchbrüche ausgeführt.
Die Stärke des Stickgarnes muss auf das Gewebe abgestimmt sein.
Die Hohlsäume werden zum Schluss gefertigt. Es gibt 3 verschiedene Lochhohlsäume, 4 verschiedene Stopfhohlsäume und den Durchbruchhohlsaum.

In einem der grossen Fenster konnte man ein Brautpaar sehen. Die Braut hatte 11 Röcke an, es können aber bis 15 Röcke getragen werden, das Geld für die Ankleidefrau (Schabblfrau) wird hinter der nicht korrekten Schuhlasche des rechten Schuhs eingesteckt. In der Hochzeitstracht der Braut stecken bis zu 300 Stecknadeln und 30 Schnüre. Da sich so eine Tracht nicht jeder leisten konnte, wurde sie ausgeborgt und zum Teil immer wieder aus den Einzelteilen neu zusammen gestellt.
Im aufwendigen Kopfputz der Braut waren Kinderköpfe eingearbeitet, das bedeutete Kindersegen und auch der Bräutigam hatte einen grossen Kopfputz zu tragen.

Als Aussteuer wurde folgendes erwartet:
38 Hemden, 75 Röcke, 25 Schürzen, 40 Paar Strümpfe/ 10 Paar Strumpfbänder/ 24 Mieder / 15 Jacken / 10 Paar Handschuhe/ 37 Hals- und Kopftücher/ 72 Bänder 18 Kappen und 22 Mützenbänder
An Leinen wurde erwartet:
27 Bettbezüge/ 27 lange Kissen/ 54 Kissenbezüge/ 50 Betttücher/ 2 ausgenähte Garnituren/ 8 Dutzend Handtücher/ 6 Paradetücher/ 17 Brottücher/ 40 Leinensäcke/ 2 Wagentücher
An Tuch sollte 40 Ellen Leinen und 20 Ellen schwarzer Beiderwand sowie Leinen für 12 Windeln vorhanden sein
Für das Sterbewerk war 1 Hemd ohne Ärmel/ 1 Hemd mit Ärmel, 1 Kappe mit Kappenschnüren/ 1 Florhalstuch/ 2 Strümpfe/ 2 Handschuhe zur Aussteuer gehörig.

Dies war insgesamt die übliche Aussteuer eines Mädchens noch 1941 bei einem Gut von 100 Morgen.
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