Sattel trägt, Bein bewegt
Auf unserer langsamen Fahrt in die Schweiz wurden wir von einem Stau auf der Autobahn ausgebremst. Wir wollten nicht im Stau stehen also fuhren wir bei der nächsten Abfahrt ab. Bad Brückenau war angeschlagen und wir fuhren bis wir einen Hinweis auf ein Fahrradmuseum sahen.
Genau dies war für uns das Richtige! Museum, etwas anschauen und den Tag gemütlich später ausklingen lassen.
Wir kamen bei der Adresse an sahen viele Verkaufsstände und Uwe erkundigte sich wo wir leichter zu einem Eingang kommen, denn bedingt durch den Rollstuhl und meiner Schwierigkeit viele Treppen steigen zu müssen macht es immer ein wenig schwierig. Uwe schob mich um das Haus herum und wir fuhren an diversen Verkaufsständen vorbei. Hier wurden alle möglichen Reserveteile für Fahrräder angeboiten und alles was mit Fahrrädern zusammenhängt. Pedalen z.B. Lampen, Klingeln, Schilder wie „Radfahren verboten“ oder „Das Unterstellen von Fahrrädern ist verboten“ oder auch ein Werbeschild „Mars Fahrräder“ /Mars Werke AG Nürnberg-Doos/ auf gelbem Grund mit einem grossen blauen Stern darüber.
Wir kamen an einem grossen alten Grammophon vorbei, Lastenfahrrad, Klapprad einem Schild mit der Beschreibung einer Laufmaschine des Freiherrn Karl von Drais. Hier wurden auf die Eigenschaften dieser Laufmaschine sehr genau eingegangen. Und zusätzlich war das Bild einer Laufmaschine mit dem Läufer darauf abgebildet.
Im Treppenaufgang zum 1. Stock in welchem die Räume mit den Ausstellungsstücken waren hing an der Decke ein Laufrad aus Holz. Im ersten Stock konnte man dann die Beschreibung des Freiherrn Karl Friedrich Ludwig Christian Draus von Sauerbronn lesen. Sein Geburts- und Sterbe-datum, den Lebenslauf dieses genialen Erfinders, der nicht nur die Laufmaschine, sondern auch eine Typen-Schreibmaschine, schnellschreib und Steno-Maschine einer platzsparenden Heinzung, Kochmaschine und vieles mehr erfand bzw. daran gearbeitet hatte.
1817 publiziert Drais eine Beschreibung seiner Laufmaschine und verbessert sie später mit Hinterradschleifbremse und höhenverstellbarem Sattel. In den 1860er Jahren kommen zweirädrige Tretkurbelvelocipeds gross in Mode. Die Pariser sammeln Erfahrungen im balancieren beim Rollschuhlaufen. 50 Jahre nach der Laufmaschine tauchen wieder einspurige Zweiräder mit Tretkurbelantrieb auf.
Ein Dreirad von 1883 mit Zahnstangenlenkung , verstellbarem Sitz und Dspatengriffen für Damen und vorsichtige Menschen war ausgestellt, ebenso wie ein Kinder-Tricycle von 1887.
Auf einem Plakat wurde die sichere Alternative für die Dame – das Mehrspurrad – beschrieben. Die dazugehörige Abbildung zeigte eine elegant gekleidete Dame aus den letzten Jahren des 19.ten Jahrhunderts die auf diesem Dreirad oder Tricycle sitzt, sich damit vorwärts bewegt und nichts von ihrer Haltung verliert.
Das Hochrad war der eleganteste Irrtum der Fahrradgeschichte wie auf einem weiteren Plakat zugegeben wird. Die Radgrösse bestimmte zwar das Tempo, aber auf- und absteigen war nicht jeder Üerson möglich.
Ein sportliches Hochrad von 1882 mit schmalen Felgen und Sattelfederung war ausgestellt und man
konnte sich die Schwierigkeiten von Damen vorstellen dieses Gefährt zu besteigen.
In einer Glasvitrine waren unterschiedliche Gegenstände wie Bierhumpen, Bierhumpen die auf stilisierten Hochrädern transportiert wurden, Uhren die ebenfalls mit Rädern kombiniert waren, eine Lampe die an eine Kopflampe der Bergleute erinnerte, eine Fahrradklingel welche mit dem Rad mit Halterung transportiert wurde zu sehen. Liebevoll dekoriert und zusammengestellt, ich war begeistert! Ein Messerhalter in Form eines Hochradfahrers, eine Zuckerdose die ebenfalls als Gepäckstück auf einem Hochrad montiert war – der Fahrer der so etwaqs wie eine Zigarre im Mund hatte und der andere auf dem Messerhalter welcher eine Schale (mit Blumen?) wie einen Blumenstrauss in der Hand hielt sahen ganz entzückend aus und ich denke dass sie jedem gedeckten Tisch einen ganz besonderen Glanz verleihten.
Bereits 1878 wurden Sicherheitshochräder in unterschiedlichen Ausführungen angeboten.
Von der Decke hing ein Ausleger aus bemaltem Stahlblech an einer Kette herab, zeigte einen Fahrradfahrer auf seinem Gefährt
Trotz zahlreicher Verbesserungen lief das Niederrad dem Hochrad den Rang ab und begann sich durchzusetzen Kettenantrieb, direkte Lenkung und Verwendung etwa gleich grosser Räder setzten sich um 1870 durch. .
Bereits 1845 wurde die Luftbereifung durch einen Briten ausgetüftelt. Er probierte die zusammengeklebten Gummiplatten am Fahrrad seines Sohnes aus bis er die richtige Zusammensetzung fand.
Luftbereifung wurde nahezu gleichzeitig von dem schottischen Tierarzt John Boyd Dunlop (1888) und dem Franzosen Édouard Michelin (1889) erfunden. Erste Entwicklungen waren Zweiradreifen, die bald zur Luftbereifung von Automobilen weiterentwickelt wurden.
Die Erfindung der Luftbereifung führte schlagartig, innerhalb nur weniger Jahre zum Untergang der Hochräder. Ihre Ära endete abrupt, weil ihr eigentlich einziger Vorteil, die bessere Abrollqualität, mit Luftreifen auch mit kleineren Laufrädern erreichbar war. Hochräder wurden noch bis etwa 1893 in nennenswerter Stückzahl hergestellt.
Vollgummireifen waren bereits vorher erhältlich, ihr Federungskomfort reichte aber bei weitem nicht aus, um den Niederrädern zum Durchbruch zu verhelfen, das schaffte erst die Luftbereifung.
Dann kamen Verbesserungen an den Fahrrädern, die der Sicherheit dienten, es wurden an den hinteren Rädern Netze gespannt, damit sich keine Röcke in den Speichen verfangen konnten. Der „Dameneinstieg wurde vertieft, die Herrenräder bekamen eine Querstange zwischen Lenker und Sattel.
In einem Razum war ein Fahrradkorb ausgestellt. Dieser Korb war so gross dass er über das ganze Fahrrad gestülpt werden konnte. Die Form erinnerte an ein überdimensional grosses Fahrrad und schützte das Rad vor unerlaubter Entwendung.
Eine Kostbarkeit war ein ausgestelltes Bambusrad. Sie wurden in Österreich seit ca 1895 hergestellt. Dieses original erhaltene Bambusrad mit Vollscheibe und bambusartig lackierten Hohlkammerfelgen ist das jüngste bekannte Modell. Bambusstngen wurden mit Blechmuffen verklebt, geklemmt und verschraubt.
Im nächsten Raum konnte man kleine Fahrräder sehen die den Schaukelpferden der Kinder nachempfunden waren. Diese zweisitzigen Schaukelpferde waren als Fahrräder ausschliesslich für Kinder gedacht.
Eine Besondderheit war auch ein Hebelrad. Durch abwechselndes Niedertreten der Hebel wird Zug auf das aufgerollte Lederband ausgeübt und der Tretimpuls wird mit Freiläufen auf das Hintere Rad übertragen. In den kommenden Räumen waren die „modernen Räder aufgestellt – doch ich meine hier bräuchte man die doppelte Anzahl Ausstellungsräume damit alle Objekte voll zur Geltung kommen können. Ein Raum war als Reparaturwerkstätte für Fahrräder eingerichtet. Man konnte verschiedene Lampen, in Regalen aufgestellte Fahrradsättel, Ketten und Räder sehen die der Übersetzung dienten. Es gab eine „Kurbelkasse“ wie sie in Tante Emmaläden früher üblich waren, Metall-Räder mit Speichen die auf Gummiummantelung warteten und Gummiräder die zum Beziehen auf diese Reifen gedacht waren. Das Schild: „Reparaturen können nur gegen Barzahlung abgegeben werden“ und „DUNLOP der beste Fahrradreifen“ waren unter der Kasse am Verkaufsschrank angebracht.
Ein Rennrad von 1927 aus der Fabrikation in Rüsselsheim und dem Hinweis dass die Kette mit der Hand umgelegt wird, stand mit anderen neuen Rennrädern auf dem Gang. Lastenfahrrad, Schrittmacher-Motorrad aus den 20-er Jahren waren ebenso aufgebaut wie andere Räder aus dieser Zeit. Im Treppenhaus sah ich dann einen hölzernen Kinderwagen – die Räder aus Holz nur das Verdeck war aus anderem Material. Beschriftet war es mit Kinderkutsche. Euin grosses Regal hatte diverse Kinderroller Klappräder aufgenommen und letztendlich sah man auch Elektrofahrräder von ca 1980 genauso wie ein Fitnessrad.
Fahrräder mit Hilfsmotor erinnerten mich an meinen Onkel der sich selbst so eine „Horex“ zusammenbaute.
Ein Fahrradhilfsmotor von Rosengart aus Paris welches ca 1923 hergestellt wurde beinhaltet das Kurbelgehäuse trägt alle Aggregate wie Vergaser, Zündanlage und Antrieb. Dieses Express-Rad ist ein Exportmodell mit Zelluloid-Kettenkaasten, Gestänge-Felgenbremse und „Hammocksattel“.
Auch ein Tandem-Motorfahrrad von 1952 war ausgestellt – es gab nichts was es nicht gab. Ein Kunst-Hochrad erinnerte mich an eine Vorstellung in Kenia wo ein Afrikaner wirklich kunstvoll und artistisch auf einem Fahrrad Darbietungen zeigte. Sein Fahrrad konnte er während er fuhr auseinander nehmen, sodass er zum schluss nur auf einem „Hochrad“ sass oder mit den Händen die Tretkurbel bediente dabei machte er einen Kopfstand auf einer Halterung.
Hinter dem Gebäude waren noch weitere Verkaufsstände, auch Zierplatten wurden angeboten, genau wie es sie für Wanderstöcke auch gibt, Metallplatten mit Aufdrucken „Großartige Frauen werden zur Mama befördert“ und andere waren im Angebot. Und zum Schluss sah ich etwas, was vollkommen zu dieser Veranstaltung passte. Ich fragte ob ich fotografieren dürfte und erhielt die Erlaubnis. Ein Ehepaar war gekleidet wie Fahrradfahrer aus den 20-er Jahren,. Er Vollbart mit gepflegtem Schnäuzer, eine weisse Schirmkappe, der Schirm war dunkel abgesetzt, weisses Hemd mit Stehkragen in dezentem Muster, hellbraune Knickerbocker mit seitlichem Knopfverschluss, Kniestrümpfe mit dezentem Muster in Fleischfarben Schnürschuhe, alles in einem wunderschönen Hellbraunton, die Weste passend zur Hose, die dazugehörige Dame hatte eine graue Kappe auf, die Sonnenbrille verdeckte leider ihre Augen, aber sie lächelte, hatte eine grüne lange Strickjacke, die Bluse war hochgeschlossen auch mit Stehkragen an und eine Tasche über der Schulter von der man nur den Riemen sah , eine braune Pumphose und braun-weiss gemusterte Kniestrümpfe an die in hohen Stiefeln steckten.
Nach diesem Museumsbesuch besuchten wir noch den „Kurgarten“ , schlenderten durch die Wandelhallen, probierten die verschiedenen Solelösungen aus die hier angeboten wurden und liessen den Tag langsam ausklingen.
Fahrradmuseum
Ob Urlaub oder Tagesausflug, wenn einer eine Reise tut, darf er uns davon erzählen
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