Klosteranlage Muri

 

Ob Urlaub oder Tagesausflug, wenn einer eine Reise tut, darf er uns davon erzählen
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Johanna
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Registriert: Mittwoch 14. Januar 2004, 15:04
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Klosteranlage Muri

Beitrag von Johanna »

Klosteranlage Muri

Auf unserer Geburtstagsfahrt zur Schwiegertochter in die Schweiz erlebten wir Temperaturen, die es uns nicht möglich machten die ganzen Tage bis zu unserer geplanten Ankunft in Deutschland auf der Strecke weiter verschiedenes anzuschauen. Die Hitze machte uns zu schaffen, deswegen fuhren wir dann von Karlsruhe aus nach einer wenig erholsamen Nacht weiter. So hatten wir dann in der Schweiz natürlich 2 Tage, an denen wir uns dort etwas anschauen wollten.
Die Klosteranlage Muri ist nicht weit vom Ort wo Tochter und Schwiegertochter leben entfernt.
Muri hat insgesamt in dieser Klosteranlage 3 verschiedene Ausstellungen. So besuchten wir am darauffolgenden Tag die Museumsbücherei. Wenn man das Auto in der Anlage abstellt, fällt einem sofort eine ganz besondere Figur hier auf. Es ist ein „Kamel“ doch ohne Höcker, es hat sich auf die 4 Beine hingelegt, der Rücken ist wie eine Bank ganz gerade, Hals und Kopf sind einem Kamel nachempfunden. Wir betreten das Gebäude, bezahlen den Eintritt und gehen in die Bücherabteilung.
Groß ist das ganze wirklich nicht, aber wie gehaltvoll!!
Als ich in den grossen Raum kam konnte ich ein „Oh“ und „Ah“ nicht unterdrücken. Alte, wirklich kostbare Bücher standen hier und die Leiterin dieser Abteilung liess mich in zwei Büchern blättern. Eigentlich müßte man Handschuhe tragen, um diese alten Schriften zu schützen, aber hier war das nicht üblich. Diese Buchsammlung beinhaltete unter anderem Kräuterbücher der Renaissance. Eine ärztliche Abteilung. Aber der Reihe nach:
Rom im Jahr 1481. Ein Buch wird gedruckt, es enthält Texte über Pflanzen und ihre Verwendung zu Heilzwecken. Auch Abbildungen der Pflanzen finden sich darin. Man nennt es Herbarius und es gilt als das erste gedruckte und illustrierte Kräuterbuch.
Als ich in Hamburg in die Schule ging mussten wir uns ebenfalls ein privates Herbarium anlegen. Wir sammelten Pflanzen trockneten und pressten sie zwischen Löschblättern und schweren Büchern, dann klebten wir sie vorsichtig in ein Heft und beschrieben diese Pflanze.
In dieser Sonderausstellung „Wachstum – Kräuterbücher der Renaissance ist das Buch eines von acht Hauptdarstellern. Entstanden zwischen 1481 und 1565 zeichnen sie das Bild einer Zeit da Kräuterbücher eine enorme Entwicklung durchlaufen. Es sind Zeiten in denen das Studium der alten Schriften auf die Beschreibung unbekannter Pflanzenarten aus dem Kontinent Amerika trifft. Die Suche nach neuen Techniken zur Illustration, die genaue Beobachtung der Pflanzen und die beginnende wissenschaftliche Vernetzung um Exemplare zu tauschen und zu vergleichen erfüllen die lange Tradition der Kräutermedizin mit neuem Leben. Sie legen den Grundstein für das aufblühende Fachgebiet der Botanik.
Der Gärtner der Welt von 1497 wurde aus verschiedenen mittelalterlichen Manuskripten zusammengestellt. Das Buch bringt als Leitfaden für die Gesundheit die natürliche Welt der Pflanzen , beschreibt die Heilmittel die aus ihnen gewonnen werden können.
Der mittelalterliche Spitzenkandidat, der lateinische „Herbarius“ überdauert die Zeiten. Der Verfasser mahnt darin, lieber auf die medizinischen Ratschläge als auf die Ärzte zu hören, weil diese von der Krankheit profitieren und sie deshalb zu verlängern suchen.
Es gilt als das erste gedruckte illustrierte Kräuterbuch und stammt aus dem 9. Jahrhundert vom Benediktinerkloster in Montecassino.
Bocks Kräuterbuch zitiert die Passage aus Ovids Metamorphosen. Das Liebespaar Pyrfamus und Thisbe verabreden sich heimlich unter einem Maulbeerbaum. Durch ein Missverständnis das die Anwesenheit einer Löwin hervorruft, nehmen sich beide das Leben. Seither trägt der Maulbeerbaum seine blutroten Früchte.
Für jedes Leiden das passende Kraut, Hopfen gegen Melancholie, Pulmonaria, das Lungenkraut sieht selbst wie eine Lunge aus und vertreibt jegliches Lungenleiden und den Husten. Das Schöllkraut mit seinem gelben Saft nimmt die Gelbsucht.
Das Kopieren von Bildern war eine beliebteMethode um Kosten zu reduzieren. Dazu wurde eine Illustration entweder abgezeichnet oder aus einem Buch herausgeschnitten und direkt auf den Druckstock gelegt. In einigen Büchern konnte ich mühsam die Anwendungen lesen. Die Schrift – d.h. das Schriftbild kann ich leider nicht „nachmachen“ aber der Text war auch nicht ohne:


Von der Krafft und Würckung.
Alle ernennte Quecken /graß vund onkreütter mit den äheren Braucher man fürnehmlich für das Rindevihe /zum fütter oder zum strewen/ doch seind etlich auch in der arznei in Leib und ausserhalb nützlich zu brauchen.

Der Mythos der Alraune
Als Wundermittel für beinahe jedes Gebrechen gehandelt war die Alraune eine begehrte, seltene Pflanze . Da ihren Wurzeln eine Ähnlichkeit zum Menschen nachgesagt wurde, findet man sie in Bildern mal als weibliche mal als männliche Figur dargestellt. Wer die Wurzel berühre, bevor sie ganz aus dem Boden gezogen sei müsse sterben, so glaubte man weil die Pflanze dann fürchterlich zu kreischen begann.
Eine Methode um das Wundermittel zu erlangen bestehe dann darin, einen Hund an der Alraune fest zu binden und ihn so lange mit Leckerbissen zu locken, bis die Pflanze ganz entwurzelt sei.

Die medizinische Abteilung: die frühe medizinische Ratgeberliteratur wandte sich an Heilkundige und an Laien. In einfacher Sprache erklären die Werke die Entstehung verschiedener gesundheitlicher Beeinträchtigungen und leiten zur Behandlung an. In den Anweisungen spiegeln sich damalige Weltbilder und Alltagskulturen.
Die Schachtafeln der Gesundheit gehen auf eine arabische Handschrift aus dem Hochmittelalter zurück. Die erste deutsche Übersetzung erschien 1533 in Strasburg. Dem Werk von Ibn Butlan wurde in dieser Ausgabe das Werk eines zweiten arabischen Mediziners Ibn Gazla zugefügt. Welches sich der Diagnostik Behandlung und Heilung von Krankheiten , Unfällen und sonstigen Leiden widmet. Der dritte Teil stammt wieder von Ibn Butlan und fasst dessen Gesundheitsregeln zusammen.
Das vormoderne Wisswen über Tiere, Pflanzen und Steine ist geprägt von kulturellen Vorstellungen. Phantasiewesen gehören genauso zu diesem Wissen wie die Ansicht , die Natur sei ein Garten der Gesundheit , den Gott allein für die Nutzung durch die Menschen schuf.
Paracelsus (den meisten sicherlich als Mediziner der alten Zeit bekannt – verrät in seinen Schriften wie gestandenes Blut mit einem äusserlichen Balsam und einer innerlichen Arznei aufzulösen se9i. Diese beiden Rezepte seien verlässlich und mehr brauche es nicht.

Paracelsus und die Ärzteschaft bekämpften sich, denn in seinem zweiten Buchteil der Grossen Wunderarzney berichtet Paracelsus „das Gift wider mich“ komme durch Neid zustande . Er vergleicht die Ärzte mit Schlangen vor derem tödlichen Gift sich die Menschheit in Acht nehmen soll.

Es folgen Bücher in denen bildlich die innereien und Handgriffe an Menschen gezeigt werden, wo man schneidet, wie man greift.
Ein Mensch ist aufgezeichnet, der Kopf ist mit einem kleinen Raster übermalt und yalles ist numeriert bzw. mit Buchstaben bezeichnet.
Scheitel, Schtiern, Augprauen, Nasem, Kyn, End des tröllens under dem kyn, Halbgrüblein, Höhe der achssel usw usw.
Ein Bild einer Frau hat mich amüsiert. Die Frau steht da mit halb geneigtem Kopf. Mit beiden Händen hat sie die Bauchdecke geöffnet und zeigt die Innereien – daneben eine Vergrösserung die eine „Blase“ mit einem kleinen fertigen sitzenden Kind zeigt, ringsherum sind Muskelstränge zu erkennen… Gefasst ist das Ganze unter der Bezeichnung „Körperbilder“.
Anatomen forschen an menschlichen Leichen und verändern damit das medizinische Köperbild . Ihre Lehrbücher stellen den Körper möglichst wirklichkeitsnah dar. Dennoch lassen sich auch hier kulturelle Einflüsse deutlich erkennen.
Ein sitzender Mensch ist abgebildet. Während die Muskeln der Beine/ Oberschenkel sehr deutlich herausgearbeitet sind, ist der Brustkorb geöffnet, man sieht die Rippen, Das Gesicht wiederum ist ganz normal gezeichnet, der Bartwuchs, die Haare, die Nase, die Augen alles ist wirklichkeitsnah.
Die Beschreibung ist schwer verständlich
„Diese Taffel stellet vor Augen viel unnd unterschiedliche Mäußlein/nemblich das siebende der Achsel bis unter dem Schulterblat liegende geheissen das fünffte des Schultergemäußlein das unter den Schlüsselbeinen liegende unnd die zwischen den Rippen/intercostales. „

In einem Buch steht ein Gerippe nachdenklich an einem Pult und untersucht den auf dem Pult liegenden Kopf
Die Unterschrift lautet: die wohl bekannteste Abbildung der Fabrica zeigt ein Skelett, das nachdenklich einen Schädel betrachtet. Es besinnt sich auf die eigene Sterblichkeit . Zugleich verspricht der Schriftzug auf dem Grab, dass der Geist überleben wird. VIVITVR IN Gen 10,
Aeter Mortis erkunt.
Eine Ambivalenz zwiswchen Religiosität und neugieriger Naturentdeckung wird erkennbar. Dieses Bild stammt wahrscheinlich von Hans Holbein d. J.

Wenn man diese Bücherei über eine kleine Treppe betritt, besagt eine Tafel dass die Schatzkammer des Museums zu einer faszinierenden Zeitreise in die Geschichte der Medizin und Naturkunde einlädt.
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