Bei unserem letzten Bummel durch Eisenach sahen wir ein Plakat welches einen Vortrag von Rüdiger Nehberg ankündigte. Wir fanden keine Adresse auf diesem Plakat, aber gleich gegenüber standen zwei Damen die Waren in das dahinter liegende Geschäft brachten. Also fragte ich und bekam von diesen Damen einen kleinen Prospekt, der eine Vortragsreihe für Eisenach und Bad Salzungen auflistete.
Beim Durchblättern fanden wir gleich als ersten Beitrag die Ankündigung für: Rüdiger Nehberg – Lagerfeuergeschichten.
Geschichten, spannend skurril, berührend aufrüttelnd und authentisch. Das mussten wir sehen.
Gleich nachdem wir später zu Hause waren orderte ich per Mail für den nächsten Tag 2 Karten und bat um Bestätigung. Die Kartenbestellung war problemlos, es hiess wir sollten zeitig genug an der Abendkasse unsere Karten abholen, der Saal würde sehr voll werden.
Und wirklich – alle Stühle waren bis auf den letzten Platz besetzt – an der Abendkasse hätten wir keine Chance mehr gehabt.
Wir waren früh genug im Bürgerhaus Eisenach anwesend und konnten uns gleich vorne in der ersten Reihe zwei gute Plätze sichern.
Vor der Bühne waren seine signierten Bücher auf Tischen ausgebreitet – es gab ein kleines Säckchen mit einem Flintstein und dem dazugehörigen Eisenring um Feuer zu machen. Allerdings beschreibt er auch in einem seiner Bücher die verschiedensten Arten Feuer zu machen. Die aufwendigste ist das Feuermachen mit zwei Damentampons und Holzbrettern. Spannend und sehr detailliert beschrieben.
Er signierte jedes Buch noch einmal wenn man ihn darum bat und stellte sich auch für Fotos zur Verfügung.
Wir erfuhren dass er bereits zum 5. Mal in Eisenach mit einer Vortragsreihe anwesend ist. Ein ca 10-jähriger Junge sass neben mir und mühte sich mit diesem Feuerstein ab, als es gar nicht klappen wollte gab ihm die zweite Frau Nehbergs einen anderen Stein.
Rüdiger Nehberg ist eine aussergewöhnliche Persönlichkeit – seine 84 Jahre sieht man ihm nicht an. Agil, lebhaft – sehr dynamisch. Man merkt ihm an, dass er sein Leben genau auf diese Dinge aufgebaut hat – Überleben ums Verrecken, Survival Abenteuer oder auch das Handbuch des Überlebens für die Hosentasche.
Der Schutz der Yanomami-Indianer stachelte ihn an, die verrücktesten Dinge zu tun um auf die Lage dieser bedrohten Menschen im Regenwald aufmerksam zu machen. Er beschreibt wie er bei den Yanomami die Tradition kennenlernte die Asche der Toten in Suppe einzurühren und diese Suppe dann zu essen. Die Kraft des Verstorbenen soll dann auf die Lebenden übergehen.
Nehberg lernt sich leise wie ein Indianer im Urwald zu bewegen – er lässt sich weitab von der Zivilisation im Urwald absetzen – die Hände und Füsse werden zerkratzt und zerstochen – aber er findet zurück.
Er radelte über den Ozean von Afrika nach Südamerika mit einem auf einem Floss aufmontierten Fahrrad – paddelte mit einem Baumstamm ebenfalls diese Strecke und machte aufmerksam auf Ungerechtigkeiten und Geldgier der grossen Konzerne, auf das Wegsehen der Regierung. Und Nehberg hatte Erfolg.
Sein letztes Projekt welches ihm sehr am Herzen liegt ist Target - die Beschneidung der Frauen, die Genitalverstümmelung an Mädchen, Kindern. Auch hier setzte er sich ein, überredete hohe islamische Würdenträger diese Praxis zu verdammen und dies auch publik zu machen. Kleine Schritte jeweils, aber eine grosse Wirkung insgesamt.
Der Vortrag setzte sich aus lauter kleinen erlebten Geschichten zusammen – Lagerfeuergeschichten – auf einer Seite der Bühne war ein Lagerfeuer und auf einer grossen Leinwand wurden die dazugehörigen Bilder und Sequenzen zu seinen Geschichten gezeigt. Als junger Mann mit dem Fahrrad rund um das Mittelmeer fahren zu wollen – den Schwierigkeiten nicht aus dem Weg zu gehen sondern immer nach Lösungen zu suchen. Die gut gehende Bäckerei und Konditorei in Hamburg aufzugeben um seinen Traum vom eigenen Leben zu verwirklichen – nicht Viele können sich das vorstellen oder durchsetzen.
Deutschland ohne Geld zu durchqueren und trotzdem nicht zu verhungern – dazu muss man einen stabilen Magen haben. Eine Schlange fangen, die geschützt ist, den dicken Bauch der Schlange so lange Richtung Kopf zu bearbeiten bis die Schlange ihren Fang wieder ausspeit. Um dann fest zu stellen, dass es kein Fisch ist wie vermutet, sondern ein ebenso geschützter Frosch, den man aus diesen Gründen ja auch nicht verspeisen kann.
Ein wenig einfacher ist dann das Fangen eines kleinen Wildschweins oder einer Gazelle, eines anderen Tieres. Ausziehen, ein kleines Bambusrohr in den Mund nehmen, in die Suhle springen so dass man total untertaucht und nur noch das Bambusrohr zum Atmen aus dem Dreck herausschaut. Nähert sich ein Tier muss man blitzschnell nach einem Huf greifen und wenn man Glück hat ist es ein kleines Tier und kein grosser starker Eber.
Wie gewöhnt man sich die Angst vor Wasser ab? Man geht zu den Kampfschwimmern und macht dort ein Training mit - gefesselt an Händen und Füssen wird man ins Wasser geschmissen – jetzt sieh zu wie Du rauskommst ist die Devise. Und dann erfährt man anschliessend wie man sich im Wasser in so einer Situation bewegen muss.
Ein 700 km langer Marsch gegen einen Aborigine in Australien liess auch Nehberg „alt aussehen“. Er machte Wüstendurchquerungen mit eigenen Karawanen, war als Schlangenbeschwörer tätig bis er merkte, dass man den Tieren ja die Giftzähne entfernt hatte. Der Aufenthalt in syrischen Gefängnissen, hoch oben in einem Turm von dem aus man nur durch die kleinen Fenster nach draussen pinkeln konnte.
Und alles wurde mit einer Leichtigkeit und einer Lockerheit erzählt, dass man manchmal hellauf lachen konnte. Wir als Zuschauer wurden voll mitgenommen in seine Welt die nach dem Motto verläuft: Jetzt oder nie, denn heute beginnt der Rest des Lebens!
Zuletzt wurde ihm der Weitsicht-Preis für Menschenrechte verliehen. Trotz seines Alters ist für ihn noch nicht Schluss – er macht weiter so lange wie er kann – ein wahrhaft faszinierender Charakter.
die Asche von Toten
Ob Urlaub oder Tagesausflug, wenn einer eine Reise tut, darf er uns davon erzählen
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